die macke mit der marke
früher war die lebensdauer ausschlaggebend für den urteil über qualität. wenn was lange gehalten hat, wars gut. da könnte man sich noch daran erinnern, wo man es gekauft hatte. klamotten die die maschinenwäsche nicht überlebt haben, obwohl sie es sollten, oder gläser die keine einfache berührung mit dergleichen verkrafteten, waren nichts wert. da gabs aber die macke mit der marke noch nicht, leider. da wärs hilfreich gewesen, noch zu wissen wer der hersteller war, um von ihm nix mehr nach hause zu bringen. aber das war früher.
bei klamotten ist die sichtbare erwähnung vom hersteller mittlerweile wichtiger als design oder material. schlimmer: man findet kaum was zum anziehen ohne daß man dafür als litfaßsäule für die marke rumlaufen muß. dagegen wehre ich mich seit jahrzehnte, meistens indem ich nach kleidung suche wo die sticker abzutrennen sind. diese manchmal aufwendige prozedur entspricht mein persönlicher kleiner krieg. leider kann ich die eine arbeitsstunde dem hersteller nicht in rechnung stellen, aber verdient hätten sie es.
gestern hab ich mir ‘nen streuer gekauft. ein stupider streuer für puderzucker, mitm sieb als “deckel”. und da gings wieder los. ein riesiger aufkleber. nix abwaschen und benutzen, sondern hinsetzen und arbeiten.
es erinnerte mich an gläser, die vom gleichen problem befallen sind. es reicht nicht daß die außenverpackung aufm hersteller hinweist, daß eine diskrete prägung am boden schon da ist, da müssen die einzelnen bestandteile eines satzes in hundemanier sichtbar angepinkelt werden.
noch krimineller wirds bei töpfe und pfannen: da sind die aufkleber “optimalerweise” auf der kontaktfläche. wer nicht aufpaßt, und die klebereste nicht restlos entfernt, der versaut sich damit sein ceranfeld.
bei meine schwiegereltern gabs, bei jahrealte und in benutzung stehenden geschirr, die berühmten aufkleber. bei ihre mundgeblasene glassammlung in der vitrine, da könnt ichs immer noch halbwegs verstehen. die bunte vasen hatten sonst keinerlei prägung die aufm herkunft hinwiesen, und sie standen auch nur zum ankucken da. aber aus geschirr, wovon man regelmäßig isst oder trinkt, wars mir immer eine ziemlich unhygienische angelegenheit. diskussionen gabs deswegen, weil ich unbedacht auf einmal das ding aus mein glas abgepullt hab.
der markenkult ist nicht neu. er fing auch nicht vor 10 jahre erst an, als die kids es entdeckten.
ich möchte endlich wieder irgendwas kaufen und es sofort benutzen können! ich hab genug von eingenähte schilder, von aceton um aufkleber und preisschilder zu entfernen! ich möchte ein t-shirt kaufen können die ich in heißen wasser vom benutzungsbedingten körpergeruch befreien kann, statt es wie ein 200 jahre altes per hand goldgesticktes kaschmirseidenhemd zu behandeln.
die einigartigkeit der einzelnen mißt sich inzwischen an der zusammensetzung seiner sichtbare marken. der wert der dinge mißt sich an die grenzenlose bereitschaft der menschen, sich an dem überteuerten preis zu ergötzen.
früher, wenn man beim preis/leistungs-vergleich ein schlechten geschäft machte, war man blöd. man traute sich wenn überhaupt, nur im engstem kreis, es zu erwähnen. es war peinlich. und heute?